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31.01.2026
Füchse am Dach
In Berlin kann man fast jeden Tag etwas Neues erleben – das ist schon ein kleiner Luxus. In Bergsdorf dagegen war das Leben leiser, aber nicht weniger spannend. Dort waren es die ersten Krokusse, die ersten Gänseblümchen, der erste Storch auf dem Scheunendach, die den Frühling ankündigten. Und natürlich der Dorfklatsch – zuverlässig unterhaltsam und leider nur selten verlässlich. Der Faktencheck dazu war relativ schwierig, sodass ich oft der Meinung war, 50 Prozent des Gehörten waren wahr und 50 Prozent nicht; dummerweise musste ich meistens nicht, welche 50 Prozent.
Ein ganz besonderes Schauspiel waren für mich die Eisbader im Liebenberger See, da spazierte ich am Wochenende oft vorbei um sie zu beobachten
In Kreuzberg fehlt mir so ein See. Hier wird eben anders gefroren: Eislaufen statt Eisbaden. Morgens, wenn ich mit meiner vierbeinigen Fitnesstrainerin durch den Viktoriapark trotte, treffe ich manchmal eine Frau, die barfuß vor mir her joggt. Wahrscheinlich sind ihre Fußsohlen durch die Kälte inzwischen so unempfindlich geworden, dass sie nicht einmal die Scherben der nächtlichen Bierflaschen stören.
Ganz ohne Natur geht es aber auch hier nicht. Neulich lieferten sich mitten in der Nacht zwei Füchse eine sehr private Vorstellung auf meinem Dach. Leider war ich zu langsam – ich habe mein Handy erst gefunden, als die beiden schon Richtung Abgang unterwegs waren.
Vor Kurzem sprang mitten in der Nacht ein nackter Mann über mein Dach – bei Minusgraden. Nicht sehr attraktiv, vermutlich unter Drogeneinfluss – und eindeutig in Eile.
Seitdem ist nichts mehr los vor meinem Schlafzimmerfenster. Nur eine Nebelkrähe schaut noch regelmäßig vorbei. Sie hat sich inzwischen an mich gewöhnt – und ich mich an sie. Gefüttert wird sie natürlich auch.
Und wenn draußen wirklich einmal nichts passiert, dann sorgen wir für Leben im Kiez.
17.01.2026
Kurtchens 105.
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,eigentlich beginnt ja für mich die Fastenzeit immer direkt im neuen Jahr – kein Alkohol, kein Fleisch, kein Zucker und von allem anderen auch viel weniger. Zu groß ist mein schlechtes Gewissen nach den herrlichen Feiertagen mit meiner Familie. Neuerdings muss ich in meiner Wohnung auch digital Fasten. Nicht ganz freiwillig zugegebenermaßen, aber seit ich aus den Weihnachtsferien zurück bin, streikt mein Internet immer wieder und der Fernseher geht auch nicht mehr. Nun ja, das soll ja angeblich auch gesund sein und mir bleibt genug Zeit, um große Pläne für das Museum zu schmieden. Es wird in diesem Jahr wieder tolle Veranstaltungen geben und ich freu mich sehr, dann viele von Euch wiederzusehen. Wir beginnen mit Kurts Geburtstag und der soll, wie immer, gebührend gefeiert werden, natürlich mit Sekt und Eckis Schmalzbroten und allem, was sonst noch dazu gehört – nahende Fastenzeit hin oder her! Ganz herzliche Grüße von Eurer Hannelore Mühlenhaupt |
28.12.2025
Neujahrsgruß
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,eigentlich wollte ich den Neujahrsbrief heuer mal ganz modern machen – mit dieser künstlichen Intelligenz, von der alle reden. Viktoria, unsere Österreicherin, soll mir das beibringen. Ich sage ihr immer: „Wir müssen mit der Zeit gehen!“ Aber kaum kommt das Thema auf den Tisch, hat Viktoria plötzlich etwas ganz Dringendes im Keller zu erledigen. Da sitze ich dann mit meinem Chat GPT und versuche herauszufinden, wie man dieser Technik beibringt, was ich sagen will. Am Ende schreibe ich doch wieder alles selbst – so wie jedes Jahr. Nach wie vor bin ich jeden Morgen um zehn Uhr im Büro. Aber davor bin ich schon einmal durch den Viktoriapark gelaufen. Fritzi steht morgens an meinem Bett und verlangt nach frischer Luft. Meine vierbeinige Fitnesstrainerin ist Gold wert, denn nichts tue ich weniger gern als mich zu bewegen und nichts lieber als essen. Also geht es raus in den Park, selbst bei Regen. Anschließend trinke ich Kaffee in der Bergmannstraße und lese Zeitung – das ist für mich ein echter Luxus. In Bergsdorf kam die Zeitung mit der Post, frühestens um 14 Uhr, da hat sie mich nicht mehr interessiert. Manchmal fahre ich auch mit dem Fahrrad übers Tempelhofer Feld oder gehe mit Fritzi runter zum Landwehrkanal und rieche die Haschischschwaden, die die Freaks auf der Admiralsbrücke in die Luft blasen. Im Museum ist dann immer etwas los. Gerade führt Christina kleine Interviews mit mir und hört sich geduldig die alten Geschichten von Kurt und mir an. Die kann man dann auf Instagram im Internet anschauen. Und manchmal, wenn in der Schule oder im Kindergarten wieder alle krank sind, kommen auch Christinas Kinder mit und wollen wissen, wie Kurt eigentlich Weihnachten gefeiert hat. Die zwei sind echte Museumskinder. Albert ist gerade fünf geworden und hat bei der letzten Ausstellungseröffnung beschlossen, an der Bar seine eigenen Kunstwerke zu verkaufen. Geschäftstüchtig wie er ist, hat er innerhalb kürzester Zeit 20 Euro eingenommen! Alma ist Profi in unserer Kinderwerkstatt und kann jedem erklären, was zu tun ist, um einen tollen Druck anzufertigen. Mühlenhauptexperten sind beide auf jeden Fall schon jetzt. Dann ist da Viktoria mit ihrer Hündin Lotta. Lotta ist ein Dorfkind und hadert immer wieder mit ihrem Leben in der Großstadt. Aber wenn sie es einmal bis nach Kreuzberg geschafft hat, nimmt sie auf dem roten Chaiselongue im Museum Platz und beobachtet den Trubel. Viktoria bleibt lieber bei den Dingen, die sie kennt – die KI kann noch warten. Die Stütze des Museums ist Helga. Sie kümmert sich um alles, was mit Zahlen zu tun hat und sorgt dafür, dass alles seine Ordnung hat – etwas, was mir nicht unbedingt liegt. Helga ist eigentlich auch schon im Ruhestand, das merkt man ihr aber nicht an, erst recht nicht, wenn sie mit ihrem Auto auf den Museumshof einfährt, die Fenster weit heruntergedreht und laut kubanische Musik hört. Mausi coloriert immer noch die Zwerge von Kurt. Ich sehe sie viel zu selten. Sie wohnt auf dem Land und kommt nicht oft nach Berlin. Ich selbst bin auch nicht mehr oft auf dem Land. Wenn ich nach Bergsdorf ins alte Museum fahre, macht mich das eher traurig, weil es mit dem Grundstück gar nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe. Außerdem müsste ich jetzt mit dem Zug fahren – mein Auto habe ich in diesem Jahr weggegeben. Es stand die meiste Zeit nur irgendwo in der Straße, und nach ein paar Wochen wusste ich schon gar nicht mehr, wo ich es geparkt hatte. Geld kostet so ein Auto ja auch, auch wenn es nur herumsteht. So habe ich beschlossen, dass es besser ist, das Auto an eine junge Mutter mit Kind zu verschenken und das gesparte Geld lieber für Taxi- und Uberfahrten auszugeben. Ich gebe auch immer ordentlich Trinkgeld, damit ich kein schlechtes Gewissen den Fahrern gegenüber habe, die sicherlich nicht gut bezahlt werden. Auch Ecki, unser Hausmeister, ist immer noch dabei. Hin und wieder kommt er aus Brandenburg nach Berlin gefahren, wenn auch immer seltener. Lieber schaut er in Bergsdorf nach dem Rechten, obwohl er hier in Berlin reichlich zu tun hätte. In der Kinderwerkstatt wird wild gespielt und Ecki muss die kleinen Schäden reparieren. Die Bänke auf dem Hof brauchen neue Latten, der wilde Wein muss gestutzt werden – zu tun gibt es immer genug. Aber auch Ecki wird langsam älter, und ich hoffe, dass er trotzdem noch lange zu uns kommen kann. Es ist ja nicht leicht, neue und gute Handwerker zu finden, und die brauchen wir auf einem Grundstück wie diesem. Jahrzehntelang haben die Künstler hier ihr freies Künstlerleben geführt und auch mal hier und da an den Gebäuden selbst Hand angelegt. So kann es schon mal vorkommen, dass ein laienhaft eingebautes Dachfenster plötzlich absackt und schon wieder die nächste Baustelle auf dem Hof eröffnet werden muss. Unsere Heizungen laufen zum Glück noch mehr oder weniger gut, aber auch da ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir uns moderne und umweltfreundliche Alternativen suchen müssen. Da unsere Räume in den Pferdeställen der alten Habbel Brauerei liegen, müssen wir in Zukunft umso mehr in Wärmedämmung investieren – für die Pferde hat man damals nicht besonders nachhaltig gebaut. Die Pferde gabs schon nicht mehr, als Kurtchen 1959 hier in Kreuzberg landete. Zwei Jahre vor dem Mauerbau wurde er von der Stasi vertrieben. Kreuzberg war damals der ärmste Stadtbezirk von Westberlin. Hier wohnte das sogenannte Subproletariat: Waschfrauen, Kohlenträger, Arbeiterinnen und jede Menge Säufer. Dann veränderte sich der Kiez langsam. Erst zogen die Künstler hierher, dann die Studenten und mit ihnen Kneipen und Trödler. Aber die Trödler sind längst verschwunden. Auch die türkischen Gemüsehändler werden immer weniger. In der Bergmannstraße gab es immer noch einen türkischen Gemüsehändler, bei dem es nicht nur Obst, sondern auch besonderen Käse und tolle Pasten gab. Doch nun hat auch er sein Geschäft aufgegeben, weil er keinen Nachfolger fand. Sein Sohn ist Flugkapitän – da braucht er nicht wie sein Vater jeden Morgen um vier Uhr auf den Gemüsegroßmarkt. Dafür residiert jetzt dort ein Laden mit dem schönen alten Berliner Namen Bolle, der italienisches Fast Food vertreibt und die Schaufensterscheibe mit einem Seehundbaby verziert hat. Mehr Diversität geht nicht. Aber wenn ich was wirklich Besonderes will, treffe ich mich mit Kalle am Mehringdamm im Flemming‘s. Das ist ein ganz exotisches Lokal. Dort kocht man deutsch! Hier kann man Rouladen, Senfeier oder Krautwickel bestellen. So was gibt’s sonst in ganz Kreuzberg nicht mehr. Kein Wunder! Die Mieten sind hier mittlerweile so hoch, dass sich die alten Geschäfte nicht mehr halten können. Wer hätte das gedacht, als Kurt anfing die Kinder und Hinterhöfe und Waschfrauen in Kreuzberg zu malen. Inzwischen sind die Quadratmeterpreise so hoch, dass sie sich nur noch Erben oder reiche Russen leisten können. In der alten Bocksbrauerei gegenüber kostet der Quadratmeterpreis für gewöhnliche Wohnungen mit Minibalkon, auf den höchstens zwei Stühle und ein Champagnerkübel passen, 10.000 Euro. Wenn man es luxuriöser haben will, kostet der Quadratmeter im Penthouse 15.000 Euro. Trotzdem lebe ich gerne hier. Wir sind hier glücklich und zahlen keine Miete. Wir sind froh, dass wir das Gelände damals gekauft haben. Die Räume sind schön und der alte Hof romantisch. Die Nachbarn kommen vorbei, es gibt nette ehrenamtliche Helfer wie Kalle Ringena, der unsere Veranstaltungen filmt, und Hannes Becker, der die Veranstaltungen plant. Ganz besonders möchte ich Babette danken, die auch aus unserer Nachbarschaft kommt. Sie ist aus unserer Kinderwerkstatt nicht mehr wegzudenken – sie begleitet die Druckworkshops am Sonntag, leitet Schulklassen beim Drucken an und ist eine begeisterte Mühlenhauptrezitatorin. Ohne sie wäre vieles nicht möglich. Und die Kinderwerkstatt läuft und läuft: jeden Sonntag finden offene Druckworkshops für Kinder ab drei Jahren statt und es kommen Familien aus ganz Berlin, die sich über das tolle Angebot freuen. Dank unseres Fördervereins können wir all das kostenfrei anbieten – ganz im Sinne von Kurt, der Kunst für alle zugänglich machen wollte. Es melden sich auch immer mehr Kitas und Schulklassen zum Drucken an und fast jeden Samstag findet ein Kindergeburtstag statt. Kurt würde sich freuen über die vielen Kinder in seinem Museum. Und dann hatten wir noch jede Menge Lesungen und Musikveranstaltungen, wie zum Beispiel Jazz mit dem hinreißenden Mauer Blues Trio oder eine Buchvorstellung von Margot Käßmann über Bertha von Suttner. Ein besonderes Highlight waren Fatma & Fatosch von der Komischen Oper mit dem Operndolmus. Wir saßen alle im sommerlichen Hof und freuten uns über den wunderbaren Gesang. So verging das Jahr und nun haben wir schon wieder den Advent eingeläutet: es wurde gebastelt, gesungen und Glühwein gab es auch. Den ersten Advent bei Mühlenhaupts könnt Ihr Euch schon jetzt in Eure Kalender für 2026 eintragen. Überhaupt haben wir schon wieder Vieles geplant. Ein Besuch in Kreuzberg lohnt immer – erst Museum und dann in ein schönes kleine Café am Chamissoplatz. All das, was wir hier tun, können wir nur machen, weil Ihr uns mit Euren Spenden unterstützt. Dafür möchte ich Euch von Herzen danken. Ohne Euch gäbe es keine Kinderwerkstatt, keine Veranstaltungen, keine Möglichkeit, Kurtchens Werk am Leben zu erhalten. Wir freuen uns, wenn Ihr uns auch weiterhin so großzügig unterstützt. Die Kontoverbindung unseres Vereins „Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museum e.V.“ ist: IBAN: DE98 1608 0000 4442 6320 00 Und ich möchte all unseren Mitarbeitern und Helfern danken: Christine, Helga, Ecki, Kalle, Hannes, Babette, Viktoria, Patricia, Mayke, Christina, Alla, Anne, Vivian, Franz, Henriette, Vicky, Alena, Alma, Jamie. Jeder von ihnen trägt dazu bei, dass dieses Museum ein lebendiger Ort bleibt, an dem sich die unterschiedlichsten Menschen begegnen und Kunst und Kurt Mühlenhaupt erfahrbar werden. Ich wünsche Euch allen ein glückliches neues Jahr, viel Erfolg, Freude und Gesundheit. Eure Hannelore Mühlenhaupt |
31.10.2025
unser Kiez verändert sich
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
unser Kiez verändert sich. Als Kurtchen zwei Jahre vor Mauerbau von der Stasi aus Ostberlin vertrieben wurde, landete er hier in Kreuzberg 61, das war damals der ärmste Stadtbezirk in Westberlin.
In SO 36 wohnten die Proletarier, die Arbeiter der großen Druckereien von Springer und Co. Hier in unserem Kiez lebte das sogenannte Subproletariat - was auch immer das war. Doch irgendwann kamen immer mehr Künstler, weil es billig war, dann die Studenten, dann die Kneipen und plötzlich war das Viertel „in“ und Kurtchen wurde dreimal wegsaniert, aus seiner Trödelhandlung, aus seinem Atelier und auch aus seiner Wohnung in der Blücherstraße.
Zu der Zeit gab es noch türkische Gemüsehändler am Chamissoplatz und in der Bergmannstraße. Heute findet man dort nur noch Kneipen und asiatische Imbisse.
Kurt hat auf jeden Fall gelernt, dass man besser Eigentum erwirbt, damit man nicht vertrieben werden kann. Es hat aber nur für eine kleine Hütte am Rande von Westberlin, in Kladow gereicht. Doch Kreuzberg blieb sein Sehnsuchtsort. Da er mit 50 Jahren endlich ausschließlich von seiner Malerei leben konnte und sogar etwas angespart hatte, konnten wir im Frühjahr 1989 das Gelände in der Fidicinstraße kaufen und richteten dort auch sein Atelier ein.
Aber wie das so ist mit den Sehnsuchtsorten, sie funktionieren manchmal nicht mehr so richtig. Alle Bohemiens, Lebenskünstler und Schluckspechte, die in Kreuzberg zurückgeblieben waren, saßen plötzlich bei Kurtchen im Atelier und hielten ihn vom Arbeiten ab.
Und der Kiez veränderte sich weiter. Nach der großen Stadtsanierung zogen Studenten-WGs in die großen Offizierswohnungen. Die damaligen Studenten sind inzwischen teilweise schon aus dem Arbeitsleben ausgeschieden und leben von einer guten Rente, aber sie wohnen immer noch hier, weil das Viertel schön ist und die alten Mieten sehr günstig sind. Die anderen Wohnungen wurden zu einer Zeit verkauft, als Eigentumswohnungen gerade noch erschwinglich waren; die Kinder dort sind auch längst ausgezogen. Inzwischen wohnen in den großen Lofts meist nur noch ein oder zwei ältere Personen. So herrscht hier Stillstand auf dem Wohnungsmarkt. Jüngere, die eine bezahlbare Wohnung suchen, haben keine Chance.
Wer sich heute noch neue Eigentumswohnungen kaufen kann, weiß ich nicht. Die Preise hier in der Straße sind unvorstellbar. Im Neubauprojekt in der alten Bockbrauerei gegenüber werden die Lofts für 10.000 € pro Quadratmeter verkauft. Das heißt, 100 qm kosten 1 Million Euro. Junge Leute mit Kindern können sich das in der Regel nicht leisten. Und so vergreist unser Viertel langsam.
Der Prenzlauer Berg wurde etwas später gentrifiziert als unser Viertel. Deshalb treffen sich am Kollwitzplatz die Cappuccino-Mütter, während hier die Apérol-Spritz-Omas bei Enzo sitzen. Darüber könnte man vielleicht Witze machen, aber ich bin trotzdem beunruhigt, nachdem ich bei meinem letzten Morgenspaziergang mit Fritzi vor der Kita Kalle Kirschkern Stühle und Spielsachen stehen sah. Sie wird aufgelöst. Während woanders Kinder keinen freien Platz finden, weil es keine Kindergärtnerinnen gibt, wird bei uns die Kita abgeschafft, weil es keine Kinder gibt. Zum Glück finden trotzdem immer mehr Familien zu uns ins Museum. Ich liebe das Gewusel in unserer Kinderwerkstatt bei den Druckworkshops am Sonntag. Und für alle die sich vielleicht lieber musikalisch ausprobieren wollen gibt es wieder ein Familienkonzert mit dem wunderbaren Perkussionisten Reza Mortazavi.
26.09.2025
Berlin-Marathon
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
Nun war wieder mal Berlin-Marathon. Zu uns ins Museum kam kaum einer. Keiner traute sich durch die Stadt zu fahren, weil er nicht wusste, welche Strecke wann gesperrt war.
Babette wartete vergebens auf Kundschaft, denn weiterhin bieten wir jeden Sonntag einen offenen Druckworkshop für Kinder an. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, wieviel Spaß es den Kleinen und den dazugehörigen Eltern oder Großeltern macht.
Mein Spaß war schon die Anmeldung zum Marathon, die irgendwo im alten Flughafengebäude von Tempelhof stattfand. Da kamen hier im Kiez jede Menge schöne muskulöse, junge und nicht mehr ganz junge Männer vorbei, oft nur bekleidet mit knappen Shorts und Laufschuhen. Sie wollten bewundert werden, und ein besonders Schöner, den ich anerkennend nachpfiff, posierte und machte für mich den Hampelmann. Ich hatte schon Angst, er kommt an meinen Tisch.
Die Mädels waren viel unauffälliger, aber auch schöner anzusehen.
Am Marathontag selbst konnte ich dann die fröhlichen Unterstützer-Truppen mit Plakaten vorbeiziehen sehen. Die Botschaften sind teilweise so kreativ, wie ein abgestandenes Glas Bier. Ein Mann trug ein Schild, auf dem stand: „Du bist stärker als dein Verlangen nach Pizza“, während er selbst genüsslich eine Currywurst verschlang. Solche Schauspiele gabs in Bergsdorf nicht. Da wird das Erntefest gefeiert und manchmal gebechert, bis einer unterm Tisch liegt.
In Bergsdorf haben die Menschen auch ganz andere Sorgen, als hier in Kreuzberg. Die mähen Rasen, schneiden die Hecken, pflücken die Pflaumen vom Baum und kochen damit das wunderbarste Pflaumenmus, wie unsere Rita.
Während hier im Kiez die Bewohnenden so im mittleren Alter nach immer mehr Selbstoptimierung streben. Sie backen Sauerteig- oder Bananenbrot, sammeln Uhren und alte Weine, die im Abgang nach Grillenflügen schmecken. Sie kaufen sich Eigentumswohnungen, elektrische Lastenräder und Fitnesstracker. Und wenn sie dann noch Zeit haben, laufen sie einen Marathon.
Auch ich übe für den Marathon, aber ich glaube, mein Trainingsprogramm muss noch optimiert werden. Obwohl ich jeden Tag vom Viktoria Park in die Bergmannstraße zu meinem Lieblingscafe spurte, ist da noch viel Luft nach oben.
Ein Nachbar vom Chamissoplatz, der Bürsten Schröder hat mit über 80 Jahren seinen letzten Marathon gelaufen. Alle Achtung! Na ja, da habe ich ja noch drei Jahre Zeit, um zu üben. Wenn ich mir das vornehme, schaffe ich das - aber ich glaube, ich brauche einen besseren Trainingsplan.
Meine vierbeinige Fitnesstrainerin Fritzie kommt zwar jeden Morgen zu mir, stupst mich an und fragt, wann geht’s denn endlich los, aber im Grunde genommen will sie doch auch nur ins Cafe, wo sie jede Menge Fans hat, die sie heimlich mit Croissants oder mit Parmaschinken füttern.
Jetzt sind die Marathonläufer wieder weg, das heißt nicht ganz. Manche stehen noch am BER und warten auf ihre Abfertigung, weil das Computersystem seit seiner Einrichtung nicht mehr up-gedated wurde. Jetzt wird wieder mit Kugelschreiber und Zetteln gewirtschaftet. Aber auch vom Bahnhof geht es nur bedingt weiter. Die Umleitungsstrecke nach Hamburg ist zwischendurch auch mal gesperrt und in die andere Richtung nach München geht auch oft nichts mehr.
Was lernt man nun aus dem vergangenen Marathon-Wochenende? Immer weiter laufen üben, weil die sicherste Art Berlin zu verlassen immer noch zu Fuß ist.
27.08.2025
Sport im Kiez
In Kreuzberg ist immer was los, auch wenn ich meinen Freund, der
Yoga auf dem Grünstreifen vom Mehringdamm macht, lange nicht gesehen habe.
Vermutlich ist er im Urlaub.
Dafür steht
morgens um sieben auf einem Balkon im Haus gegenüber jetzt öfter eine nackte
Frau. Offensichtlich hat der Besitzer dieser Wohnung, ein Musiker, der seit
langem auf Tournee ist, seine Wohnung zwischenzeitlich untervermietet.
Sie macht
immer genau 12 Minuten Yoga, danach zündete sie sich eine Zigarette an, dann
wieder 12 Minuten Yoga. dann wieder eine Zigarette und so weiter, Yoga,
Zigarette, Yoga, Zigarette. Da fragt man sich schon, ob das ein gesunder
Rhythmus ist. Trotzdem war es sehr amüsant. Jetzt ist sie abgereist.
Dafür gibt es
nun Abendunterhaltung. Auf dem Dach gegenüber von JOLOs Kinderwelt, auf das ich
hintenraus von meiner Dachterrasse blicke, macht jetzt ein Mann in Badehose
Abendgymnastik. Er hüpft öfters auf einem Bein, wie ein Storch, er kann
Handstand und Flickflack, Rolle rückwärts und Hampelmann, aber die meiste Zeit
macht er Schattenboxen gegen einen Phantomgegner. Er ist sehr ausdauernd und
strampelt immer gut eine Stunde. Ich bewundere sein Durchhaltevermögen.
Da ich selbst
nichts weniger gerne mache als mich zu bewegen und nichts lieber als Essen,
brauche ich immer meine vierbeinige Fitnesstrainerin Fritzie, die jeden Morgen
zu mir kommt und fragt: wann geht’s denn endlich los. Dann laufe ich mit ihr
durch den Viktoriapark, treffe etliche schräge Typen, unerzogene Hunde und ab
und zu einen Fuchs. Anschließend gehe ich in der Bergmannstraße Kaffee trinken,
lese Zeitung und die kleine kreuzberger Welt ist wieder in Ordnung.
14.08.2025
Der vegetarische Fuchs
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!Ich bin aus dem Urlaub zurück und laufe jeden Morgen mit meiner vierbeinigen Fitnesstrainerin den Kreuzberg hinauf. Der Viktoriapark kommt mir noch schmutziger vor als vor dem Urlaub. Aber vielleicht ist es nur der Vergleich mit den Schlossgärten in Irland, die alle so gepflegt und sauber sind trotz der vielen Touristen. |
01.07.2025
Sommerliches Berlin
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06.06.2025
Olympia
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
Seit Wochen wird darüber diskutiert, dass sich Berlin für die Olympiade 2036 oder wenn‘s sein muss später bewirbt. Ich hoffe, Berlin bleibt sich selber treu und verpasst den richtigen Abgabetermin.
Denn Hitlers Propagandashow von 1936 durch eine Jubiläumsausgabe 2036 zu ehren, wenn auch durch kluge Leute kontextualisiert, halte ich für völlig verfehlt. Völker der Welt, schaut auf diese Stadt. Wir holen Moral-Gold für Deutschland.
Aber ich mache mir nicht allzu viele Sorgen, dass es klappt. Denn wenn sich Berlin für 2036 bewirbt, werden die Sportstätten und das Olympische Dorf sowieso höchstens 2046 fertig. Vielleicht haben wir bis dorthin auch noch ein paar Straßenbahnschienen verlegt und ein paar neue U-Bahn-Wagen gekauft, damit die Öffis auch die Besuchermassen zu den Sportstätten bringen können.
Aber so schlecht ist Berlin auch nicht. Cool, wie wir sind, könnten wir die Olympischen Spiele mal etwas modernisieren und ein paar neue spannende Wettbewerbe beisteuern.
Zum Beispiel:
Weitwurf mit Wegbierflaschen, Behörden-Marathon, Bürgeramts-Hürdenlauf, Hunderennen im Gleisdreieck oder Müllsammeln Austragungsort Viktoriapark.
Aber bis die Olympischen Spiele hier stattfinden, haben wir im Kurt Mühlenhaupt Museum noch einige spannende Vorstellungen zu bieten.
02.05.2025
Platz der Luftbrücke
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
Wenn ich mit dem Auto nach Kreuzberg will, muss ich fast immer über den Platz der Luftbrücke fahren. Nun ist es gefühltermaßen so, dass dort, seit ich in Berlin bin, also seit 5 Jahren, eine Baustelle besteht. Auf dem U-Bahnhof wird auf beiden Seiten ein Aufzug für Rollstuhlfahrer gebaut. Die Aufzüge sind jetzt fertig, aber die Baustelle besteht noch immer. Auf jeden Fall stehen immer noch Absperrungen herum.
Da es in Berlin seit Jahren eine heftige Diskussion darüber gibt, ob Privatautos nicht doch mehr oder weniger aus der Stadt verbannt werden sollen, sich aber die Befürworter des Autoverkehrs immer wieder durchsetzen können, habe ich einen Verdacht.
Die Gegner des Autoverkehrs haben ihre Taktik geändert. Sie kämpfen jetzt nicht nur in Bürgerversammlungen und mit Unterschriften für ihre Ziele, sondern sie haben sich in die Planungszirkel der Stadt eingeschlichen.
Das kann man sehr gut am Platz der Luftbrücke studieren. Nach dem Einbau der Aufzüge soll nun der ganze Platz umgestaltet werden. Dazu sind neun Jahre veranschlagt. Da wir aber in Berlin sind, wissen wir, dass der Platz mindestens noch 18 Jahre Baustelle bleibt.
Doch dann kommt noch eine weitere Baustelle dazu. Der Tempelhofer Damm wird saniert. Dafür sind zehn Jahre vorgesehen, also vermutlich 20 und mehr. Dazu wird die Straße beidseitig nur einspurig befahrbar sein. Bei den Staus, die da entstehen, verzichten vermutlich mehr Menschen auf ihr Auto, als bei allen anderen Maßnahmen, die die Autogegner vorschlagen. Die Frage ist nur, wird dann der U-Bahn-Takt erhöht und werden an die U-Bahnzüge noch ein paar Wagen angehängt?
Aber das sind ja nicht die einzigen Baustellen. Nach Norden hin über die Autobahn, soll nach dem Abriss der beiden Brücken auch nicht mehr viel gehen, und der Schwerlastverkehr quält sich durch Charlottenburg und quält dort vor allem die armen Anwohner.
Marode Brücken gibt es noch mehr in Berlin. Die Rudolf-Wissell-Brücke muss auch saniert werden. Sie ist 930 m lang und wird täglich von über 200.000 Autos strapaziert. Das allein wird ein Jahrhundertprojekt.
Die Pendler aus Oranienburg, Velten oder Zehdenick, können auch bald nicht mehr die Ostvariante in die City nehmen, weil auf der Schönhauser Allee die Brücke einen Ersatzneubau bekommt. Also vom Norden her mit dem Auto nach Berlin zu kommen, wird in Zukunft immer schwieriger.
Lange Zeit habe ich gedacht, das alles liegt mehr oder weniger an der Unfähigkeit der Planungsbürokratie. Inzwischen bin ich aber der Meinung, dass das alles gezielte Maßnahmen sind, um den Autoverkehr in der Innenstadt so unattraktiv wie möglich zu machen.
Leider sind die Autobefürworter ja auch nicht dumm, sie haben aus der Taktik der Autogegner gelernt und sich bei den Verkehrsbetrieben und deren Planung eingeschlichen. Die U-Bahnen und Busse werden immer voller und schmutziger, was dann am Ende doch wieder den Autobefürwortern hilft.
Neulich wollte ich mit der U-Bahn in die Komische Oper fahren. Aber leider fuhren drei U-Bahnen hintereinander nicht. So musste ich mir ein Taxi nehmen, um rechtzeitig anzukommen. Wenn mir das mehrmals passiert, bleibe ich lieber ganz in Kreuzberg und laufe allenfalls noch zum Yorck Kino. So kann man die Verkehrsprobleme auch lösen.
15.03.2025
Schuldfrage
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
Was für eine Wahl und was für Gehampel von den Politikern. Man hatte bei all dem Gerede immer so ein schlechtes Gefühl, als ob entweder das Dritte Reich oder die Apokalypse vor der Tür steht.
Schuld an allem, was hier im Land so schiefläuft, waren im Wahlkampf fast durchweg die Migranten. Mein Landsmann Markus Söder, der wie ich ins Nürnberger Albrecht-Dürer-Gymnasium ging, lastet den Flüchtlingen jedes einzelne Schlagloch in Deutschland an und auch die Erhöhung der Dönerpreise. Sie sind quasi an allem schuld, was in Deutschland nicht funktioniert. Ansonsten heißt es in Bayern: Mir san mir und mir san die Größten.
Friedrich Merz schreibt sein Programm auf einen Bierdeckel. Mehr war es auch nicht wert, denn es hielt nur bis einen Tag nach der Wahl.
Dass die SPD krachend abschmiert, habe ich schon vor zwei Jahren gewusst. Denn dort meint man schon lange die Wähler sind an allem schuld. Und wenn ich eines gelernt habe, dann das: wenn man anderen die Schuld an seiner Misere gibt, kommt man aus dieser nie heraus.
Die alternativen Fakten von Alice Weidel brauche ich hier gar nicht erst erwähnen. Wer diese glaubt, ist wirklich selbst schuld.
Für die Linke ist der Kapitalismus schuld und für Sahra Wagenknecht der Kapitalismus und die Flüchtlinge. Nur Robert Habeck schwebt als großer Weltenretter über allen und will Zuversicht verbreiten. Aber der fliegende Robert flattert auch nicht mehr so überzeugend.
Und dann kommt der Trump und zeigt uns allen, was für bedeutungslose Zwerge wir sind. Wir sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr der Nabel der Welt und um unsere Werte basierte Weltordnung schert sich auch keiner mehr.
Kurt wäre heute froh gewesen, wenn er etwas Freude hätte bereiten können. Ähnlich wie Herr Moritz in Biermanns Märchen von ebendiesem: Als der Winter in Berlin so lang und so kalt war und die Leute alle nur noch schimpften, wuchsen Herrn Moritz Blumen auf dem Kopf. Vielleicht würde uns das auch heute noch guttun, wenn in diesen so beängstigenden Zeiten Blumen verschenkt würden. Deshalb zeigen wir ab dem 20. März Kurts Blumenbilder, zusammen mit Werken der jungen Künstlerin Anna Nezhnaya. Ich freue mich, wenn wir zusammen die Kreuzberger Blüten bewundern und feiern können.
Ihr seid zur Ausstellungseröffnung herzlich eingeladen.
Eure Hannelore Mühlenhaupt
14.02.2025
Winterpracht
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
Als ich heute Morgen mit Fritzi, meiner vierbeinigen Fitnesstrainerin, durch den verschneiten Viktoria Park stiefelte, waren gefühlt schon die Hälfte aller Kinder aus der Nachbarschaft auf dem Kreuzberg und rodelten um die Wette. Vermutlich waren die Schulen in der Nachbarschaft ziemlich leer. Schneemänner wurden gebaut. Überall Freude und Gejohle, Schneebälle flogen, Kinder rodelten, eins hatte sogar Skier dabei.
Am Tag vorher mussten wir auf unserem Hof einen Baum fällen. So gesehen hatten wir ziemliches Glück mit dem Wetter. Bei dem Schnee heute hätte es nicht funktioniert.
Es war ein Götterbaum. Warum er so heißt, weiß ich nicht. Er war aber keinesfalls ein Geschenk freundlich gesinnter Götter, sondern ein böser Samen aus der Büchse der Pandora, der auf unseren Hof geflogen kam.
Die Gartenarchitekten vom Viktoria Park pflanzten einst einen dieser Bäume in den wunderschönen Park. Sie konnten damals nicht wissen, dass es sich um eine der invasivsten Arten überhaupt handelt. Heute ist es verboten, solche Bäume überhaupt zu pflanzen.
Der Samen vom exotischen Baum nistete sich in dem kleinen Spalt zwischen Mauerwerk und Asphalt im zweiten Hof ein. Daraus entstand im Laufe der Jahre ein gewaltiger Baum, der inzwischen nicht nur die Mauer vom Museum beschädigte.
Als wir hier in der Fidicinstraße einzogen, nannten wir ihn unseren Freund den Baum und sorgten im Sommer jeden Tag dafür, dass er genügend Wasser bekam. Dafür beschenkte er uns mit jeder Menge Samen die überall aufgingen. Bald war er nicht mehr unser Freund und im letzten Herbst bemerkten wir, dass er am Mauerwerk nagte. So mussten wir uns von ihm trennen. Wir riefen einen Baumkletterer und ließen das Monster fällen. Drei Arbeiter schufteten 9 Stunden bis sie alles bewältigt hatten. Davon hat unser Kalle ein beeindruckendes Video gemacht, das Ihr unten sehen könnt.
Keine Angst, er hat alles auf 1 Minute zusammen komprimiert.
26.12.2024
Weihnachtsgruss
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22.11.2024
Advent
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
vor Jahren habe ich einmal ein Gedicht zu Weihnachtsmärkten verfasst und Werbung für den Weihnachtsmarkt in Schloss Liebenberg gemacht. Leider ist der inzwischen genauso schrecklich überlaufen, wie die anderen Weihnachtsmärkte in der Stadt.
Fritten brutzeln, Glühwein dampft,
Frau noch schnell ne Bratwurst mampft
Nach der ersten, zweiten Tasse
schmeckt das Zeug noch richtig klasse
Allerorten Weihnachtslieder
Dudeln auf Besucher nieder
der Vater rülpst, die Kinder lachen
es kann so viel Freude machen
wenn man durch die Stände läuft
und noch ein paar Geschenke käuft
Krawatten, Schals und neue Socken
Dieses soll uns wieder locken
Hier bei uns im Mühlenhaupt Museum können Sie am ersten Advent in Ruhe die Stimmung in den Altberliner Höfen genießen. Wie immer können Sie mit den Kindern kommen. Die Schauspielerin Babette Winter liest Märchen in der verwunschenen Kammer vor. Außerdem gibt es natürlich unsere Druckwerkstatt in der Erwachsenen und Kinder Weihnachtskarten drucken können. Christina Schulz verziert mit den Kindern schöne Kerzen und die Pfadfinder basteln mit Ihnen kleine Weihnachtsgeschenke. Die ukrainische Malerin Sofiia Holubeva verkauft ihre Werke. Um 17:00 Uhr singt die wunderbare Maren Kling mit dem Chore Amore Weihnachtslieder zum Mitsingen für das Publikum.
Bei Room & Garden gibt es Geschenkideen, frische Waffeln, Kaffee und Glühwein.
Für alle Freunde und Liebhaber von Kurtchen haben wir ein besonderes Weihnachtsgeschenk: um 15 Uhr eröffnen wir eine Ausstellung mit Winterbildern von Kurt Mühlenhaupt.
Wer einen schönen und gemütlichen Adventssonntag erleben will, kommt einfach vorbei. Ich freue mich auf den Nachmittag, das Singen und jeden von Euch,
Eure Hannelore Mühlenhaupt
11.10.2024
Spießer
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
wir hier in Kreuzberg sind gute Menschen, wir haben edle Prinzipien, wir schonen die Umwelt, sind sozial und können nicht so bewußt lebenden Menschen beibringen, was ökologische Abfallwirtschaft heißt. Wenn wir etwas aussortieren, schmeißen wir das nicht weg, sondern beschenken unsere Mitmenschen damit. Das ist ökologisch sehr sinnvoll, denn so bleiben die Stoffe erhalten, die Umwelt wird geschont, wir pflegen die Nachbarschaft, und tun damit auch noch was Gutes. Sind wir nicht toll?
Und wenn Sie sich dran stören, dass da ab und zu mal ein kaputter Flachbildschirm rumsteht, ein Sessel mit drei Beinen oder eine alte Matratze dort liegt, dann sind Sie einfach ein Spießer.
In unserer Einfahrt steht ein Verschenkeregal. Wir halten das für sinnvoll. An der Wand steht mehrmals in großer auffälliger Schrift "nur für Spielsachen und Bücher". Kinderbücher, Legofiguren oder Feuerwehrautos sind sehr begehrt und werden schnell mitgenommen. Auch alle anderen Bücher finden schnell neue Liebhaber. Und mal ehrlich, welches der Bücher, die Sie in der letzten Zeit gelesen haben, hat sie so ergriffen, dass Sie es noch ein zweites Mal lesen wollten.
Nun hat sich unser Kiez seit Kurtchens Zeiten sehr verändert, inzwischen leben hier fast nur noch Personen mit auskömmlichen Einkommen. Die Preise für Mieten und Eigentumswohnungen sind so in die Höhe geschossen, dass sie sich keiner mehr leisten kann. Dennoch leben in der Nachbarschaft sehr viele Analphabeten, die unsere Schilder nicht lesen können.
Im Frühjahr, wenn die Leute ihre Kleiderschränke ausmisten, fahre ich fast jede Woche mit dem Fahrrad zur gelben Villa, weil dort eine Kleiderbox steht und werfe kiloweise ausgemusterte Kleider hinein. Aber es gab hier auch schon eine gebrauchte Matratze (für Doppelbetten), jede Menge vollkommen abgelatschte Schuhe, alte BHs in Übergröße oder Lebensmittel mit Ablaufdatum vor der Jahrtausendwende. Dafür werden diese Dinge aber oft in Einkaufstüten aus gehobenen Läden, wie der Biocompany, vom KDW oder Escada gebracht.
Und es gibt ständig neue Überraschungen. So haben zum Beispiel nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kondome ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Deshalb stand einmal ein Karton mit geschätzt 200 abgelaufenen Kondomen im Regal. Da fragt man sich natürlich sofort, wo hier in der hippen Nachbarschaft das Etablissement ist, das sie ausgemustert hat, denn für eine Familienpackung waren das eindeutig zu viele. Die Gummis fanden übrigens reißenden Absatz, weil gerade die Schule aus war und die Jungs sich einen Spaß daraus machten, die Dinger aufzublasen.
Aber das Beste fand ich letzte Woche gegen 22 Uhr. Als ich mit meiner vierbeinigen Fitnesstrainerin von unserer letzten Runde um den Chamissoplatz zurückkam, lag da plötzlich ein Brautkleid - in die Durchfahrt geschleudert, die weißen Stöckelschuhe waren mehrere Meter weit geflogen. Man sah richtig, mit welchem Zorn sie dahin geschmettert wurden. Ich persönlich hätte in so einem Fall die Wut lieber für den untreuen Ehemann aufgehoben.
18.09.2024
Glossen
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
ich komme vom Dorf und bin nach dem Abitur in die Stadt geflohen. Auf dem Dorf wussten viele ganz genau, was sich gehört und jeder, der etwas anderes machte wurde erst mal angezählt. Alles Spießer, dachte ich. Aber die waren im Grunde ganz harmlos. Das weiß ich, seit ich wieder in Kreuzberg bin.
Wer hier noch eine Bratwurst isst, kann das im Grunde nur heimlich tun, und wer nicht richtig gendert wird ständig korrigiert. Im Viktoria Park treffe ich Hundebesitzer, die ihren Hund vegan ernähren. Die Kinder tragen Ökokleidung und essen veganes Eis.
Die Autorin Ayala Goldmann, die am Sonntag bei uns liest, schreibt Kolumnen in der Jüdischen Allgemeinen. Sie behauptet zwar, die spießigsten Spießer leben im Prenzlberg, aber das weiß ich besser. Ihre wunderbaren Texte sind voller Humor. Sie macht sich über ihre Glaubensgenossen lustig und lästert über ihre Mitbewohner. Ihre Kolumnen sind viel besser als meine. Ihr könnt Euch selbst überzeugen.
Eure Hannelore Mühlenhaupt
17.08.2024
Sommer in Kreuzberg
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
Leider habe ich Schwierigkeiten mich zum Sporteln zu motivieren. Im Grunde tue ich nichts weniger gerne als mich bewegen und nichts lieber als Essen. Deshalb brauche ich eine Fitnesstrainerin, die mich morgens anstupst und fragt, wann geht’s denn endlich los? So schaffe ich es dann immer gegen halb acht mit Fritzi in den Viktoria Park. Dort treffe ich viele andere Frauchen und Herrchen, die ihre Hunde ausführen.
Fritzi hat eine Menge Spaß und tollt mit ihren Freunden herum.
Es gibt auch ein paar Jogger und Damen die Tai Chi machen, ansonsten ist noch wenig los im Park. Aber die Wiesen und Wege sind übersäht mit Fastfood Verpackungen, Flaschen und Essensresten.
Jeden morgen ist da auch schon ein Pärchen das Flaschen sammelt. Da kommt jede Menge zusammen, denn oben am Denkmal, wo Kurtchens große Ausstellung zum 100sten stattfand, gibt es jede Nacht Party. Das Pärchen ist sehr strukturiert und die beiden haben im Nu ihren großen Fahrradanhänger voll.
Mein Hund dagegen sammelt keine Flaschen, er sammelt Speisereste. Denn er hat sich die Rettung weggeworfener Lebensmittel zur Aufgabe gemacht. Fritzi findet jede Menge Pizzareste auf dem Weg, halbe Döner, Croissants und manchmal sogar halbe Currywürste, welche sie mit Freude verzehrt. Ich versuche sie immer davon abzuhalten, aber meistens vergeblich. Allerdings ist sie inzwischen ziemlich wählerisch geworden. Von den Pizzaresten frisst sie nur den Belag und vom Döner nur die Fleischstückchen.
Es gibt also viele ehrenamtliche Helfer, die bei der Müllreduzierung im Park mitwirken.
Nach dem Sparziergang im Park laufe ich die Bergmannstraße entlang, wo sich schon die ersten Touristen tummeln, und trinke vor der Markthalle einen Cappuccino und lese den Tagesspiegel. Dann gehe ich ins Museum und schreibe einen Newsletter.
Wir haben wieder schöne Veranstaltungen geplant.
Eure Hannelore Mühlenhaupt
27.07.2024
Englisch in Kreuzberg
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums!
In letzter Zeit gehe ich kaum noch spontan ins Kino. In allen Kinos in Kreuzberg werden nur noch Filme in OmU (im Original mit Untertiteln) gezeigt. Leider ist mein Englisch nicht mehr besonders gut, und das ständige Lesen ist mir zu anstrengend. So muss ich schon nach Charlottenburg fahren, um mit meiner Freundin Ingrid im Kant Kino die deutsche Version zu sehen. Daraus könnte man schließen, dass in Charlottenburg die älteren deutschen Bürger leben und in Kreuzberg die jungen Hipster.
Inzwischen zeigen sie im Yorck Kino sogar deutsche Filme nur noch mit englischen Untertiteln.
Auch in den Restaurants und Cafés rund um die Bergmannstraße wird von den Mitarbeitenden fast nur noch Englisch gesprochen. Im Breakout oder dem Vegan Monkey ist das ja o. k., aber im Felix Austria musste ich mich erst daran gewöhnen, ein Wiener Schnitzel auf Englisch zu bestellen.
Und wenn ich dann morgens noch verschlafen auf Englisch um einen Cappuccino bitte, versteht mich die Bedienung zwar, fragt aber: witsch milk? Und wenn ich antworte „with normal milk“ bellt sie zurück „what is normal milk“. Selbst beim Dönerstand wird man gefragt „vegetable Kebab or with meat“, und dann traut man sich schon gar keinen Döner mehr mit Fleisch zu bestellen.
So ist das in Kreuzberg. Zum Glück gibt es in dem Cafe, wo ich frühstücke noch den Tagesspiegel und die Süddeutsche, denn die New York Times oder den Guardian zu lesen wäre mir zu mühselig.
Leider kann ich fast in jeder gängigen Sprache Essen bestellen, auch auf Spanisch oder Französisch, so dass ich trotz mangelhafter Englischkenntnisse bisher nichts abgenommen habe. Also da muss ich mich einfach zurückhalten.
05.07.2024
Fussball
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museum!
Auch ich mache mir meine Gedanken zu den Fußballspielen und habe darum ein Gedicht geschrieben.
Auf dem grünen Rasen werde ich heute nicht stehen können - ich fiebere in Kreuzberg mit.
Wie schon der alte Platon sagt,
sind die Menschen mit Kultur,
doch die Krone der Natur,
weil sie immer Sehnsucht plagt,
nach Spielen Sonne und viel Grün.
Doch wo soll der Rasen blühn?
Wenn am Brandenburger Tor
Und auf der Fanmeile davor
zehntausende Berliner stehn
um den Ball im Tor zu sehn?
Doch der Kulturmensch ist nicht dumm,
er steht nicht nur so drum herum,
und entwickelt schnell Ideen,
um auf etwas Grün zu stehen
erschafft ein großes Kunstprojek
auf keinen Fall nur abgespeckt,
auch wenn hier keine Kühe grasen
gibt es 25.000 Q-Meter Rasen
natürlich Kunst Plaste und resikelbar
Das ist doch einfach wunderbar.
18.05.2024
Briefwahl
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
ich habe
gerade meine Unterlagen für die Europawahl bekommen und Briefwahl beantragt.
Ich habe die Unterlagen ganz klassisch in ein Kuvert gesteckt und eine
Briefmarke draufgeklebt. Bei der letzten Wahl ist da was schief gegangen. Ich
habe sie zwar angefordert, aber die Formulare für die Briefwahl nie bekommen.
Ich hoffe, dass es diesmal klappt, denn jede Stimme gegen rechts zählt.
Zur
Bundestagswahl habe ich ein Fax ans Wahlamt des Bezirks gesendet, das fand ich
lustig. Aber entweder das Gerät im Amt oder mein Museumsstück haben nicht
richtig funktioniert. Nach den Wahlunterlagen hätte ich das auch diesmal tun
können, aber mein archaisches Gerät hat inzwischen leider seinen Geist
aufgegeben und ist im Elektroschrott gelandet. Jetzt kann ich mit dem Bezirksamt
gar nicht mehr richtig kommunizieren und muss immer persönlich hin gehen, ich
glaube das ist effektiver als E-Mail, aber es dauert immer lange.
Doch
heutzutage dauert alles lange. Der Fachkräftemangel macht sich auf allen Ebenen
bemerkbar. Bisher dachte ich es fehlen hauptsächlich Kellner und Köche. Aber es
ist noch viel schlimmer. Für einen Besuch beim Arzt wartet man heute auch drei
Monate. Und jetzt brauche ich einen Termin beim Notar und konnte mir nach
telefonischer Anmeldung nur den 1. August in meinen Kalender schreiben.
Also am
besten nicht krank werden und keine Testamente machen.
Aber krank
bin ich nicht, und dank meiner Fitnesstrainerin Fritzi laufe ich jeden Tag
durch den Victoriapark und schaffe zehn bis siebzehn tausend Schritte am Tag. Außerdem
lernt Frau immer neue Leute kennen, die auch mit ihren Hunden unterwegs sind,
so auch einen Notar mit Pudel, der hat mir dann gleich einen Termin gegeben.
Doch es gibt
Dinge, die noch rarer sind als Fachkräfte. Bis jetzt habe ich im Park leider
noch keine Hundebesitzer getroffen, die wissen, wo im Kiez eine drei oder vier
Zimmerwohnung frei ist. Ein ganz besonderer Künstler, Mohammad
Reza Mortazavi, der bei uns im Hof sein Studio hat, sucht dringend so eine
Wohnung in der Nähe. Wenn er da ist, gibt er uns öfters abends noch ein kleines
Konzert. Leider ist er sehr häufig auf Tournee und vermisst seinen kleinen
Sohn, der mit seiner Mutter in der Bergmannstraße wohnt. Er würde gern näher
bei seinem Kind wohnen und es ab und zu spontan besuchen, ohne dass er dazu
durch die ganze Stadt muss.
Nächste Woche
geht es weiter mit unserem Programm: wir stellen ein spannendes Buch über
AthletInnen und einen Roman über unser Zusammenleben mit Tieren vor – und
Rainald Grebe liest aus seiner Autobiografie.
Ich wünsche Euch allen ein schönes Pfingstwochenende
Eure Hannelore Mühlenhaupt
27.04.2024
Frühling
Frühling
Wenn in der Kreuzbergstraße jetzt eine Camelie blüht,
kommt der Frühling sehr verfrüht
und schon ganz üppig in der Luft
liegt vor der Zeit der Fliederduft
Die Veilchen welken schon im Grase,
und sind auch nichts mehr für die Vase,
Eine Rose blüht an Kurtchens Grab
Was es so früh noch niemals gab,
Es quakt der Frosch die ganze Nacht,
weil er was von der Fröschin will
und hat der dann sein Werk vollbracht
dann ist er lange, lange still.
Es sagt die süße Nachtigall,
sei still, zum Nachtigäller
Du fängst mir heuer zu früh an,
mit deinem ewigen Geträller
Der Kukuck sagt zur Kuckuckin
Ich möchte einen starken Sohn
Und dann wollen wir weiter ziehn
Die Meise, die versorgt ihn schon.
Um sechs am Morgen, welche Pein,
fangen die Vögel an zu schrein,
mit vierzig Dezibel es schallt,
ich glaub, ich brauch nen Rechtsanwalt
Auch die ergraute Museumsfrau
Spürt den Frühling ganz genau,
durch das lange einsam sein,
ist ihr Herz schon fast aus Stein,
doch ihre Säfte steigen wieder
und sie dichtet Frühlingslieder
sie fühlt in sich die Liebe fließen,
und fährt zum Friedhof um zu gießen
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
das Gedicht habe ich am 12. April bei 20 Grad in der Sonne geschrieben. Inzwischen schlägt der Polarwirbel wieder zu und die Blumen, die ich am Friedhof gepflanzt habe, sind längst erfroren. Aber der Frühling kommt und laut Wetterprognose sind auch die Eisheiligen dieses Jahr schon verstorben. Deshalb kommt zu unserem Hoffest! Das findet wie immer traditionell am Muttertag, am 12. Mai statt.
Die Künstler am Hof geben ihr Bestes, um Euch zu unterhalten. Wir haben Musike und das Puppentheater macht einen Trödelmarkt mit Kostümen und Requisiten. Anke backt ihre berühmten Zimtschnecken und Reza wird uns mit seiner Trommel verzaubern. Amigo, berühmt für seine Kalligraphie, bittet in sein Atelier und unsere neue Künstlerin Anna Nezhnaya aus Moskau kommt direkt von der Biennale aus Venedig nach Berlin zurück und zeigt ihre Bilder. Babette spielt auf Kurtchens Leierkasten und singt dazu, das wird ein ganz besonderes Erlebnis. Bei Room & Garden findet Ihr die Ausrüstung, die für den Sommer auf dem Balkon und im Garten noch fehlt.
Für große und kleine Künstler und Künstlerinnen ist natürlich auch gesorgt: es gibt einen Druckworkshop und man kann lernen, wie man Luftballon-Tiere herstellt.
Wir laden Euch ganz herzlich zum fröhlichen Zusammensein im frühlingshaften Hof mit Kaffee und Kuchen, kalten Getränken bei Livemusik ein.
Ich freue mich auf Euer Kommen!
Eure Hannelore Mühlenhaupt
22.03.2024
Bilder mit Köpfen
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
selbst
dem englischen Königshaus können wir nicht mehr trauen. Die kranke Prinzessin
Kate hat ein fröhliches Foto von sich und ihren Kindern gepostet und alles war
Fake. Das Foto war mit Photoshop bearbeitet.
Es folgte ein
Sturm der Empörung. Die Wellen der Erregung schlugen hoch und höher.
Ausgerechnet eine Prinzessin photoshopt! Das ist Betrug am Volk! Darf eine
Prinzessin sowas Profanes überhaupt tun? Ist das Königshaus noch zeitgemäß?
Die Presse
hat natürlich weiter nachgeforscht und die berühmte Investigativabteilung vom
Guardian hat dann herausbekommen, dass die Royals das Volk offenbar schon
länger betrügen, und keiner hat es bemerkt. Sogar das letzte Geburtstagsfoto
zum 97. Geburtstag von Königin Elisabeth im April 23 ist offensichtlich
bearbeitet worden. Wer hätte das gedacht. Selbst die Queen hat ihr Volk
betrogen.
Was mich an
der Sache aber noch mehr irritiert ist, dass sich keiner darüber echauffiert,
wie unprofessionell das Königshaus arbeitet. Bei dem vielen Geld, das die
bekommen, könnten die sich doch leicht einen ordentlichen Photoshoper für die
Sozialen Medien leisten. Bei dem Etat, den die verpulvern, müsste das doch
wirklich drin sein.
Alle um mich
herum verändern ihre Bilder mit Photoshop und machen sich schöner, selbst die
Enkelin meiner Nachbarin mit 12 Jahren. Sind das nun alles Betrüger oder
Betrügerinnen? Und wen betrügen sie? Ihre Freunde oder sich selbst? Kann man
sich eigentlich noch ohne Komplexe im Spiegel ansehen, wenn einem im Kopf immer
das idealisierte Bild von sich selbst auf Instagram herumspukt?
Ich selbst
bin da eher old fashion. Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass ich mit
meiner Intelligenz und meinem Humor punkte und nicht mit meiner Schönheit. Da
habe ich mehr oder weniger ein Alleinstellungsmerkmal und brauche kein
Photoshop. Aber jetzt will ich es wissen. Ich habe Viktoria angewiesen, beim
nächsten Newsletter ein Bild von mir zu posten, dass mich 10 Kilo leichter und
20 Jahre jünger macht.
Das Bild lass
ich mir dann vergrößern und hänge es an den Eisschrank. Damit starte ich ein
Experiment. Esse ich weniger, weil ich das Bild jeden Tag sehe und ich mich auf
dieses Schönheitsideal hin hungern will, oder haue ich rein, weil ich denke,
ich bin so schön, wie auf dem Foto und kann jetzt ruhig noch ein Pfund zulegen?
Die Bilder,
die wir am Ostermontag ausstellen sind auf keinen Fall mit Photoshop erzeugt. Achim Freyer, hat sie alle selbst
gemalt, mit eigener Hand und Pinsel und Farbe! Es ist eine Ausstellung zu
seinem neunzigsten Geburtstag.
Der Maler
Achim Freyer, Meisterschüler von Bertold Brecht, ist mit seinen Theaterarbeiten
seit den 1970er Jahren weltberühmt geworden. Immer ist er jedoch zuerst
bildender Künstler, der ästhetische und gesellschaftliche Fragestellungen
systematisch erforscht. Mit ungebrochener Gestaltungskraft erschafft Achim
Freyer ein fulminantes Spätwerk.
Wir
laden zusammen mit Achim Freyer zur feierlichen Eröffnung am Ostermontag, den
01. April um 19 Uhr ein. Johannes Odenthal wird sprechen und Esther Lee-Freyer
begleitet den Abend musikalisch. In der von Achim Freyer mitgestalteten
Kinderwerkstatt werden wir einen Druckworkshop anbieten und mit etwas Glück,
kann zusammen mit dem Künstler dort ein eigenes Kunstwerk gedruckt werden.
Ich freue mich auf Euer Kommen
Eure Hannelore Mühlenhaupt
16.02.2024
Kreuzberger Geschichten
Liebe Freunde und Freundinnen des Kurt Mühlenhaupt Museums!
In Kreuzberg wundert mich langsam überhaupt nichts mehr. Hier kann man zum Beispiel sehen, wohin der Fachkräftemangel führt und was uns noch alles blüht. Als ich vor wenigen Jahren von Bergsdorf hierher zog, gab es eine Postfiliale am Marheinekeplatz. Dort konnte man Pakete abholen, zur Postbank gehen und Briefmarken kaufen. Erst waren die Berater der Postbank verschwunden und danach die ganze Filiale. Aber das machte mir nichts aus, denn am Hermannplatz gab es noch eine riesengroße Postfiliale mit allem Service. Das war zwar ein bisschen weiter, aber laufen ist gesund, zumal ich den Service sowieso selten nutzte. Als auch dort die Postbank dicht gemacht wurde, kündigte ich mein Konto bei dieser Bank und ging zur Commerzbank am Mehringdamm, wo ich sowieso ein Konto hatte. Aber auch diese Filiale existiert nicht mehr, und wenn ich jetzt wirklich etwas persönlich erledigen muss, fahre ich mit dem Fahrrad in die Hauptstraße nach Schöneberg. Zu einer reinen Onlinebank traue ich mich nicht zu gehen, nachdem meine Buchhalterin letzte Woche drei Stunden am Telefon verbracht hat, um mit dem nach Thailand ausgelagerten Callcenter meines Stromanbieters eine Rechnung zu klären.
Die Briefmarken holen wir inzwischen beim Zeitungsladen in der Arndtstraße, der auch Pakete annimmt, wenn sie nicht zu groß sind, weil der Laden sehr klein ist. Der Besitzer ist sehr nett.
Und wenn wir und die Nachbarn im Museum nicht da sind, werden die ankommenden Pakete in ganz Kreuzberg verteilt. Mein Lieblingspaketshop mit dem ultimativen Service befindet sich in der Möckernstraße.
Aus hygienischen oder sonstigen Gründen werden die Pakete nur durchs Fenster ausgegeben. Bis vor Kurzem gab es noch ein kleines Treppchen aus Holz zum Hinaufsteigen. Aber das ist inzwischen geklaut. Gut, dass meine Nachbarin Mayke dabei war und groß genug zum unterschreiben, denn ich bin viel zu klein, um bis zum Fenster zu kommen. Hätte ich das Paket auch ohne Mayke erhalten?
Und hier ist noch ein Nachtrag zu meinem letzten Newsletter. Nach dem Auftritt von Fritzi in der Markthalle ist sie überall bekannt. Die Damen, die sie in der Markthalle mit dem Schinken vom schwarzen andalusischen Schwein gefüttert haben, kommen jetzt ins Museum und bringen Leckerli mit. Aber sie ist inzwischen sehr wählerisch. Sie frisst längst nicht mehr alles. Ich warte schon drauf, dass sie mir signalisiert, dass sie nur noch Austern und Kaviar essen will. Denn Austern sind bei den Hipsters von Kreuzberg zur Zeit very hip und werden auch in der Bar am Chamissoplatz angeboten.
Bei uns gibt es auch keine Austern, sondern weiterhin - neben den guten Schmalzstullen vom bergsdorfer Schwein - selbst kreierte vegetarische und vegane Stullenaufstriche.
Ich hoffe also, Ihr kommt zu unserer nächsten sehr aktuellen Veranstaltung am Mittwoch.
Eure Hannelore Mühlenhaupt
13.01.2024
Neujahrsbrief
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
ich hoffe, Ihr seid alle gut ins neue Jahr gerutscht und habt Weihnachten nicht so viel zugelegt, wie ich in Franken. Denn ich war über die Feiertage bei meinen Schwestern, und in Mittelfranken isst man bekanntlich besonders gut.
Jetzt muss ich mit meiner vierbeinigen Fitnesstrainerin Fritzi jeden Morgen eine Extrarunde durch den Victoriapark drehen. Aber ich befürchte, es sind noch viele Runden nötig. Anschließend gehe ich in der Bergmannstraße einkaufen.
Da Fritzi so ein süßer Hund ist und da in Kreuzberg schon einige angeleinte Hunde vor dem Supermarkt verschwunden sind, habe ich Fritzi gelernt, ohne Leine vor dem Supermarkt zu sitzen und auf mich zu warten. Einen unangeleinten Hund klaut man nicht so leicht. Das hat die ganze Zeit auch recht gut funktioniert, denn Fritzi ist gut erzogen.
Aber Fritzi ist nicht dumm und als es so kalt wurde, ist sie bei EDEKA und den anderen Supermärkten schnell durch die Automatiktür geschlüpft und hat im Vorraum auf mich gewartet und nicht am Bürgersteig, weil es dort einfach wärmer war. Das ging bei den Automatiktüren auch ganz unproblematisch.
Aber letzte Woche habe ich guten Käse für die Chinesen in der Markthalle gekauft und Fritzi sollte draußen warten. Die Markthalle hat große schwere Flügeltüren, die die Kunden selbst aufmachen müssen. Die vielen Leute und der Lärm haben Fritzi erst mal verwirrt und sie hat vermutlich etwas hilflos nach mir Ausschau gehalten. Da hat sie sofort einen Fanclub um sich geschart. Drei ältere Damen dachten, sie sei ein armer nach Weihnachten ausgesetzter Hund – und dass sie am verhungern ist vermittelt sie sowieso jedem. Also haben ihr die drei Damen erst mal was von ihren Einkäufen abgegeben. Es war Schinken vom schwarzen iberischen Schwein, das durch die Korkeichenwälder Andalusiens streift und sich an Eichen satt frisst. Wenn einer mal etwas Besonderes einkaufen will, kann ich die Markthalle nur empfehlen.
Zu Kurtchens Geburtstag, am 19. Januar gibt es leider keinen Jamon Iberico de Belotta, aber die Schmalzstullen von Eckis glücklichen Schweinen aus Bergsdorf schmecken auch. Ihr seid alle herzlich eingeladen. Außerdem gibt es um 19 Uhr ein Gitarrenkonzert von Quique Sinesi. Danach trinken wir alle ein Glas auf Kurtchen. Eigentlich wollten wir ja einen alten Jazzer, der Hintergrundmusik spielt, aber Quique Sinesi ist ein ganz großartiger Musiker, der leider nur an diesem Termin Zeit hat. Also erst die Musik und dann den Sekt.
Eure Hannelore Mühlenhaupt
27.12.2023
Weihnachtsbrief
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18.11.2023
Dit is Berlin
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
im letzten Newsletter schrieb ich über die Chinesen und die kulturellen Unterschiede zwischen Peking und Berlin.
Aber die Entfernung muss gar nicht so weit sein. Auch für Menschen, die weitaus näher wohnen, ist - wie es in Berlin zugeht - manchmal etwas bizarr. Wir selbst merken es bloß nicht mehr.
Da braucht man gar nicht bis ans andere Ende der Welt zu gehen. Für Leute, die aus behüteten Haushalten aus dem Süddeutschen kommen, ist das, was sie in unserer Stadt vorfinden oft ziemlich seltsam.
Am letzten Samstag lief ein großer gepflegter Hund in unseren Museumshof und gleich danach kam eine Frau, die den Hund einfing und sich so höflich entschuldigte, dass mir sofort klar war: sie ist keine Berlinerin!
Als ich sie ansprach, brach sie fast in Tränen aus. Sie stand mit ihrer Tochter buchstäblich auf der Straße. Die Tochter hatte gerade Abitur gemacht und einen Studienplatz in Berlin ergattert. Sie suchten einen WG-Platz über Immoscout, bezahlten eine Bearbeitungsgebühr und erhielten eine Zusage. Aber als sie hier ankamen, gab es weder eine Agentur noch das WG-Zimmer. Jetzt waren sie erst mal in einer airbnb-Wohnung untergekommen. Aber nur für zwei Tage, dann mussten sie sich was anderes suchen.
Naja, dann habe ich der Tochter mein Gästezimmer angeboten. Natascha kann es erst mal bei mir wohnen, bis sie was gefunden hat. Also bitte liebe Leserinnen und Leser vom Newsletter, meldet euch, wenn ihr jemand kennt, der eine zwei oder drei Zimmer Wohnung vermietet. Die Eltern von Natascha verdienen gut und stehen gerne für alles ein. Außerdem ist Natascha genauso wohl erzogen wie der Hund. Sie ist fröhlich, ordentlich, unkompliziert und bescheiden. Sie raucht nicht und trinkt nicht, und wenn sie sich beim Vietnamesen was zum Essen holt, wirft sie die Verpackung nicht auf die Straße. Also sie ist absolut verträglich und pflegeleicht. Vielleicht findet sich ja was?!
Außerdem lernt man durch sie unsere Stadt wieder neu kennen. Jeden Tag erzählt sie mir von seltsamen Abenteuern die sie erlebt. Also an St. Martin zum Beispiel, fuhr sie zu einem Vortrag vom Studentenwerk. Dabei kam sie in eine Demonstration für Palästina. Sie war natürlich von massenhaft Polizei umgeben und Natascha bemühte sich schnell wegzukommen. Dann kam sie allerdings in das nächste große Polizeiaufgebot und sie dachte, das wäre eine Gegendemonstration. Aber weit gefehlt. Die Polizei beschützte einen Laternenumzug zu St. Martin.
Währenddessen gucke ich mich natürlich überall um, um eine Wohnung für sie zu finden. Unter anderem auch in dem Portal WG gesucht. Dort fiel mir als erstes ein Inserat auf, in dem ein Mann ein WG Zimmer sucht. Der Text lautet:
„Hallo, ich suche ein WG-Zimmer in einer gemischten Nudisten-WG. Ich bin der Alex, bin 59 alt, und liebe es nackt zu sein. Es wäre toll, wenn die Wohnung in Marzahn, Hellersdorf, Hohenschönhausen, Lichtenberg, Friedrichshain wäre“
Was soll man dazu sagen? Dit is Berlin.
10.11.2023
Besuch aus Peking
Besuch aus Peking
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
unsere chinesischen Freunde waren wieder da. Wir suchten lange nach einem Übersetzer für Mandarin. Aber ein Übersetzer alleine hilft nicht immer. Die kulturelle Entfernung zwischen Peking und Berlin ist unendlich. Man braucht auch einen Kulturvermittler.
Was ich auf jeden Fall begriffen habe ist Folgendes:
In Peking darf man nicht alles denken und vor allem nicht alles sagen, was man denkt, zum Ausgleich darf man dafür alles bauen, was man will.
In Deutschland dagegen, darf man alles sagen und denken, aber nicht alles bauen, was man will.
Jetzt sitzt man da mit seinen Gästen aus China, denen man versucht den deutschen Begriff Denkmalschutz zu erklären. Aber denkmalwürdig sind in China offensichtlich mehr die prachtvollen Paläste und Tempel der alten Kaiser und weniger die alten Scheunen und schlichten preußischen Herrenhäuser in der Mark Brandenburg.
Auch die Bürokratie in Peking scheint anders zu funktionieren als in Oranienburg. Auf jeden Fall war Herr Chu ziemlich frustriert vom Bauamt und der Ausländerbehörde.
Und dass man eine Erlaubnis braucht, um an das alte Kutscherhaus mal schnell eine Außentreppe anzubauen und innen 8 Zimmer für chinesische Kunststudenten zu schaffen, ist einem Bewohner von Peking überhaupt nicht vermittelbar.
Auf jeden Fall sind die Gäste wieder abgereist, wollen aber bald wiederkommen und hoffen immer noch auf unserem alten Gutshof chinesische Künstler unterzubringen. Ich hoffen sie halten durch und lassen sich nicht so schnell entmutigen. Ich finde die Idee nach wie vor gut.
Inzwischen machen wir hier in der Fidicinstraße ein volles Programm: Die wunderbare Cecilia Zabala erfreut uns mit argentinischer Musik bereits kommenden Mittwoch. Am Freitag, den 24. November besucht uns wieder die Komische Oper mit dem neuen Programm des Operndolmus (der bereits im Sommer 2022 im Hof ein großartiges Ereignis war) und am ersten Adventsonntag laden wir gemeinsam mit Room & Garden zu einem kleinen Weihnachtsfest im Hof.
29.09.2023
Chinesen in Kreuzberg
Liebe Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
Corona ist vorbei und längst beschäftigen uns wieder andere Themen. China, zum Beispiel, kommuniziert wieder mit der Welt. Zu unserer großen Freude, hatten wir Besuch aus Peking. Mister Chu war in Bergsdorf, um nach 4 Jahren Abwesenheit, nach seinem Anwesen zu sehen. Er war sehr enttäuscht, wie heruntergekommen der Hof inzwischen aussieht. Die Wege sind überwuchert. Am Haus nagt der Holzwurm und am Scheunendach fehlen Ziegel. Das hat er sich natürlich ganz anders vorgestellt.
Eigentlich wollte er mit ein paar Arbeitern aus China kommen, um alles herzurichten und aus der alten Meierei ganz schnell eine Pension mit sieben Zimmern zu machen. Im alten Herrenhaus sollte eine Haushälterin für die Künstler kochen.
Naja, so waren seine Visionen. Er hat sich das alles ganz einfach ausgemalt. Aber er lebt in einer anderen Welt wie wir. Seine Visionen scheitern schon mal im Dschungel der Vorschriften vom Bauamt Oranienburg. Jetzt ist er erst einmal wieder nach Peking abgereist, will aber möglichst bald wiederkommen und das Projekt vorantreiben.
Er hat mich in Berlin besucht und ich bin mit Fritzi und ihm zusammen zur Eisdiele am Viktoriapark spaziert.
Am Fuße des Wasserfalls steht die Skulptur „der seltene Fang“ von 1896. Sie zeigt einen Fischer, der eine Nixe aus dem Wasser zieht. Darüber diskutieren wir seit Monaten im Kulturausschuss. So etwas geht heut gar nicht mehr. Auch der Einwand, dass es sich bei einer Nixe um eine Chimäre und nicht um ein weibliches Wesen handelt, half nicht weiter. Unsere Vorfahren hatten doch oftmals nicht so die richtige Einstellung. Deshalb gibt es mehrere Initiativen, die sich für den Abbau dieser Skulptur einsetzen. Bis es so weit ist, werden die nackten Partien der Figuren immer wieder mal bedeckt und verändert.
Die Chinesen wollten nun wissen, warum die Skulpturen so merkwürdige Oberteile tragen. Aber die Empfindlichkeiten der Kreuzberger Moraltheologen konnte ich ihnen genau so wenig begreiflich machen, wie Feinheiten der deutschen Bürokratie. Auf jeden Fall ist Mr. Chu noch nicht entmutigt und in Bergsdorf entsteht vielleicht doch noch ein Kulturzentrum.
Bis es aber so weit ist, beschäftigen wir uns lieber mit dem, was vor unserer Haustür liegt, da finden sich nämlich die spannendsten Geschichten. Genau das hat auch der Autor und Fotograf Björn Kuhligk festgestellt. Er hat sich aufgemacht, auf dem Mauerweg das alte West-Berlin zu umrunden. Unterwegs erinnert er sich an seine Erlebnisse in der geteilten Stadt, an Gummitwist bei Regen, an Fahrradtouren am Wannsee. Und er kommt ins Gespräch mit radelnden Rentnern, engagierten Schriftstellern und redseligen Currywurstverkäufern. Entstanden ist ein Buch für alle, die mehr erfahren wollen über eine Stadt, die es nicht mehr gibt.
20.09.2023
Zwei Ausstellungen Ein großes Fest !
Einladung zur Eröffnung am 9. September ab 15 Uhr
Liebe Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
wieder einmal bin ich für einige Zeit mit meinen Schwestern mit dem Fahrrad unterwegs. Leider ist es nach Corona nicht mehr so leicht, spontan einen Übernachtungsplatz zu finden. So können wir nicht einfach losradeln, wie wir es früher gemacht haben.
Wir wollten heuer von Passau nach Wien und wieder zurückfahren. Zum Übernachten hat meine Schwester zwei Kabinen auf einem alten Donaudampfer gebucht.
Wir sind fröhlich losgefahren, aber inzwischen sitzen wir fest. Die Donau hat wegen der starken Regenfälle in Österreich und Deutschland Hochwasser. Alle Schleusen sind geöffnet und der Schiffsverkehr steht still.
Wir liegen in Grain fest, einem kleinen Ort mitten im Nirgendwo, in der Walachei, ach nein, in der Wachau. Es gibt drei Cafés und einen Kramladen für die Radfahrer, die auf dem Donauradweg vorbeikommen. Aber im Zeitungskiosk gibt es nicht einmal einen Spiegel oder die Süddeutsche. Der Empfang vom Handy hält sich in Grenzen. Und die Donau ist auch nicht mehr blau. Ob sie jemals wirklich blau war oder ob sie sich der Johann Strauß blau getrunken hat, kann ich nicht entscheiden. Heute ist sie jedenfalls grau und gewaltig angeschwollen. Wann wir wieder hier wegkommen, steht in den Sternen bzw. liegt in den Fluten.
Aber trotzdem geht es in Kreuzberg voran und wir freuen uns alle auf Euer Kommen am 9. September. Christina Schulz, meine künstlerische Leiterin, ist unsere Expertin für Kinder und wirbelt seit Monaten. Sie hat unsere Kinderwerkstatt als Kurt Mühlenhaupts Welt der kleinen Leute konzipiert. Man kann die Wände bemalen, drucken, basteln, alte Kinderspiele spielen und und und. Als Testperson für alles, was wir uns ausgedacht haben, steht ihr Sohn Albert zur Verfügung. Dessen Kita fällt immer wieder aus, sodass sie ihn mit ins Museum bringen muss.
Auch die Kinder aus der Nachbarschaft kommen gerne in die Werkstatt. Sonntags gibt es für alle von 4 bis 88 Druckworkshops. Und Dank Ihrer Spenden kann unser Förderverein die Workshops finanzieren und unser Sonntagsangebot bleibt für alle kostenfrei. Inzwischen haben wir auch einige Kindergeburtstage gefeiert und mit Kitas und Schulklassen gebastelt.
Auch aus Bergsdorf kommen gute Nachrichten. Sechs Chinesen wollen nach Deutschland kommen und das Projekt weiter vorantreiben. Leider sprechen sie kein Englisch, wir kein Mandarin, sodass die Verständigung schwierig sein wird. Kennt jemand, der den Newsletter erhält, jemanden, der uns bei der Übersetzung helfen kann?
Ich hoffe, wir kommen hier bald weg. Die Pegelstände sind heute Nacht um 20 cm gefallen.
Ansonsten gibt es wenig Abwechslung, mein Buch habe ich schon ausgelesen, der Fernseher hat auch nur bedingt Empfang und ich verfolge erstaunt die unendliche Geschichte im spanischen Fußballverband. Jetzt schalten sich sogar die Vereinten Nationen in den Kuss-Skandal ein.
Zum 09. September bin ich wieder zurück in Berlin, an der Spree ist es auch schön und spannender ist es in Kreuzberg allemal.
01.08.2023
Wundertüten
Liebe Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
Jetzt, in den Sommerferien, bekommt man selbst in der Fidicinstraße einen Parkplatz. Seit Tagen kann ich immer wieder direkt vor der Hofeinfahrt parken. Beim Griechen, am Ende der Straße bekommt man sogar ohne Reservierung einen Platz vor dem Restaurant und die Bäckereiverkäuferin hat Zeit für ein kleines Schwätzchen.
Trotzdem meckern wir Zurückgebliebenen. Immer wieder Regen, viel zu viel! Haben wir‘s denn schon vergessen, was so ein ganz normaler Sommer ist, wie er früher einmal war, ohne Hitzeperioden mit über 30 Grad?
Wir reden zwar von der Klimaveränderung und davon, wie dringend unsere Wasserreserven wieder aufgefüllt werden müssen, aber bitte schön nicht mit so vielen Regentagen!
Während dieser Regentage beschäftigen sich offenbar viele mit dem Aufräumen. Das ist nicht so ganz meine Welt. Dafür habe ich auch keine Zeit, weil ich ja dreimal am Tag mit meiner Fitnesstrainerin Fritzi laufen muss. Aber da hat man auch viele seltsame Erlebnisse und Begegnungen, besonders hier in Kreuzberg. Am interessantesten ist, was man da so vor den Häusern findet. Denn es ist inzwischen Usus, aus ökologischen Gründen nichts wegzuschmeißen, sondern alles, was man aussortiert auf die Straße zu stellen, in der Hoffnung, dass irgendeiner es noch brauchen kann. Da hat man ein gutes Gewissen und spart sich viel Arbeit.
Ich staune immer wieder, welche Dinge da so rumliegen.
In der Arndtstraße, fast neben dem alten Atelier von Onkel Willi, vor einem luxussanierten Wohnblock, fand ich folgende Schachtel auf einer Bank:
Fromms im Sommer 2023
Hannelore und Fritzi beim Studieren der geschenkten Dinge, Fritzi hat sich aber für das Kochbuch entschieden
Eine Schachtel mit 144 Fromms, aus der höchstens 10 fehlten, Verfallsdatum Juni 2023.
144 Kondome in einer Schachtel, da habe ich erst mal gegoogelt, was die Zahl 144 bedeutet?
Die Zahl 144 ist ein kraftvolles Symbol für Singles, die auf der Suche nach der wahren Liebe sind.
„Öffne dich für neue Erfahrungen, sei aufgeschlossen und großzügig in der Liebe – Engel Nummer 144 verspricht dir große Belohnungen!“
So habe ich verstanden, warum in der Schachtel 144 Kondome und nicht 150 waren. Auch zum Vorbesitzer habe ich mir so meine Gedanken gemacht, 144 Fromms als Großpackung sind ja schon ziemlich ambitioniert. Was ist mit all seinen Hoffnungen geschehen? Ist er krank geworden? Oder hat er plötzlich wegen der Engelszahl die Liebe seines Lebens gefunden und Kinder gezeugt? Oder wurde einer Dame, die in diesem Wohnblock ihrem Gewerbe nachging, wegen Eigenbedarf gekündigt? Verdrängt von einem Erben, der sich eine Eigentumswohnung für über 10.000 Euro pro qm leisten kann?
Ein paar Jugendlich hat‘s gefreut. Die Gummis hingen später aufgeblasen in den Bäumen.
Wir hingegen basteln Luftballontiere, die wir an Kindergeburtstagen den Kindern schenken. Diese Kunst kann am 09. September bestaunt werden. Da werden bei uns im Museum gleich zwei Ausstellungen eröffnet. „Nachbarschaft“, so lautet der Titel der Ausstellung mit Bildern Kurt Mühlenhaupts von den Yorkbrücken, über den Chamissoplatz bis zum Südstern. Und in den gerade fertiggestellten neuen Räumen wird „Mühlenhaupts Welt der kleinen Leute“ eröffnet – ein Ort für Kinder und die, die im Herzen Kind geblieben sind. Mehr dazu kommt demnächst in einem extra Newsletter. Bis dahin wird es uns aber nicht langweilig!
11.07.2023
Sommer in Kreuzberg
Liebe Freundinnen und Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
Früher haben wir uns alle auf den Sommer gefreut. Jetzt sind Temperaturen über uns gekommen, die ich früher nur aus unserem Haus in Portugal kannte. Aber dort konnte man besser mit der Hitze umgehen. Man stand früh auf und erledigte schnell seine Arbeit, um dann von zwölf Uhr mittags bis in die frühen Abendstunden im abgedunkelten Haus Siesta zu halten. Das Haus stand am Land, 20 km vom Meer entfernt, und es wehte immer eine kühle Brise.
Aber hier, in der Fidicinstraße weht keine kühle Brise. Die Sonne heizt die steinerne Stadt rund um uns auf. Die Häuser speichern die Wärme wie ein Kachelofen und geben sie in den Nächten, die sowieso kaum abkühlen, wieder ab.
Mein Hund Fritzi liegt völlig erschöpft unterm Bett und möchte am liebsten, dass ich sie alle Stunde kalt abdusche. Die Hortensien im Hof und die Sonnenblumen auf dem Dach schreien nach Wasser und die Menschen laufen verschwitzt und gestresst auf der Straße vorbei.
An solchen Tagen vermisse ich Bergsdorf ganz besonders, wo ich jeden heißen Sommerabend noch schnell zur Großen Lanke radeln konnte und einmal über den See schwamm. Anschließend gab es ein alkoholfreies Weizen beim Nachbarn.
Trotzdem ist es schön in Kreuzberg. Unser Hof hat genügend Schattenplätze und die alten Pferdeställe von der ehemaligen Habbel Brauerei sind solide gebaut. Sie heizen sich nicht so schnell auf. Außerdem haben wir ein ausfahrbares Dach, dass bei großer Hitze Schatten spendet, sodass wir gut Veranstaltungen machen können. Zu unserem Salon Mühlenhaupt, am 19. Juli, werden wir dieses sicherlich wieder gut gebrauchen können. Dann wird die wunderbare Sigrid Grajek Berliner Gassenhauer singen und aus dem Leben der Claire Waldoff erzählen. Ich glaube, das kann einer der Sommerabende werden die sich für mich nach Bergsdorfer Hofkonzert, Berliner Lebensgefühl und portugiesischer kühler Brise gleichzeitig anfühlen wird.
26.05.2023
Japanische Pizza
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09.05.2023
Erstes Hoffest
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02.03.2023
Frühlingsgefühle
Liebe Freunde des Kurt Mühlenhaupt Museums,
noch ist es kalt, aber die Sonne scheint, die Krokusse blühen, in mir erwachen die Frühlingsgefühle. Ich schnappe mir Fritzi und gehe mit ihr in den Viktoriapark, die hübschen jungen Hipsters kucken, die dort herumspringen und ihre Muskeln zeigen. Danach wird auf dem Rasen gebruncht. Das hat mich zu folgendem Gedicht animiert:
Es grünt so grün, es grünt so grün,
wenn Kreuzbergs Tüten blühn.
Dann ist Frühling im Viktoriapark
aber bitte nur mit Haferquark
und nur ökologisch und regional
sonst landet man am Marterpfahl.
Halt da war doch was?
Keine Aneignung fremder Kultur,
dann bleibt uns der Pranger nur.
Denn die ganzen Tugendpächter
und die vielen Sittenwächter
die hier um die Häuser ziehn
denen kann man nicht entfliehn.
Die ohne Ende Dich belehren
Dagegen kann Frau sich nicht wehren
Schnell fegt dich der Shitstorm weg,
wie die BSR den Straßendreck.